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WASSERTROPFEN

Tag 12

Das Wasser tröpfelt mir auf den Kopf, läuft am ganzen Körper runter. Meine Haare saugen sich langsam voll und kleben mir im Gesicht. Ich lasse es geschehen. Genieße den Augenblick. An meine Ohren dringt kein Geräusch. Nur das Rauschen des plätschernden Wassers kommt bei mir an. Alles andere wird vom Wasserstrahl verschluckt. Es fühlt sich an wie Stille. Kein Quietschen, kein Jammern, kein Weinen der Kinder ist zu hören.
Oder? War da vielleicht was? Weint da ein Kind und braucht mich? Ich strecke den Kopf aus der Dusche um nochmal sicher zu gehen, ziehe ihn aber dann ganz schnell zurück. Lotte, ermahne ich mich, du bist duschen. Den Kindern geht es gut bei Leo. Reiß dich zusammen!

Ich konzentriere mich auf die einzelnen Wassertropfen, um mein gluckenhaftes Verhalten zu unterdrücken. Das ist eine wahre Kraftanstrengung. Wie gut, dass ich vor dem Duschen die Badezimmertür geschlossen habe, sonst hätte ich wohlmöglich doch etwas gehört. Und zum Glück haben wir zuletzt in diese Regendusche investiert. Jetzt kann ich mich hier wirklich vollständig drunter stellen und die Welt um mich herum für einen Moment ausknipsen.
Betont langsam beginne ich mir Shampoo ins Haar einzumassieren. Das Duschen ist heute wieder mal der einzige Moment, an dem ich nicht irgendwie mit einem der Kinder beschäftigt bin. Irgendwas ist immer.
Leider fällt es mir auch äußerst schwer jemand anderen mal machen zu lassen. sobald einer der beiden auch nur das kleinste Anzeichen von Unzufriedenheit zeigt, spannt sich mein ganzer Körper an und es drängt sich das unbändige Verlangen auf, das Kind auf den Arm zu nehmen und es zu umsorgen. Egal bei wem es gerade ist. Selbst Leo muss unter diesen Behütungsanfällen leiden. Es gelingt mir selten die nötige Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, sodass er seinen Weg finden kann, um die Kleinen zu trösten.
Noch während der Schwangerschaft dachte ich, ich sei so ne coole, entspannte Mutter, ich bräuchte nicht wie ne Glucke bei jedem Ton direkt handeln. Ich habe auch immer groß getönt, wie schnell ich wieder arbeiten gehen möchte. Tja, leider stellt sich raus, dass mein Naturell etwas anders ist. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen halt manchmal Welten und zwischen Handeln und Überzeugung offensichtlich auch. Aber optimistisch im Herzen bin ich überzeugt, dass sich das mit der Zeit relativieren wird. Hoffentlich!

Jetzt erstmal duschen und das warme Wasser genießen. Ich spüle die Haare aus. Ach Duschen! Diese Energie, die man in diesen wenigen Minuten der vollständigen Isolation erhält. Es ist zurzeit der einzige Moment, der mir die nötige Kraft gibt, um weiter zu machen. Es wäre schön diese paar Minuten Körperpflege, und Regeneration jeden Tag genießen zu können. Aber immer wieder schaffen wir es nicht, dass wir beide duschen können. Jetzt ist es auch schon wieder 17.00 Uhr. Der Tag ist schon rum bevor er überhaupt begonnen hat.
Schweren Herzens drehe ich das Wasser aus und höre im selben Moment ein Kind weinen. Ich seufze, atme tief durch und trockne mich in Windeseile ab und ziehe mich im Eiltempo an. Als ich ins Wohnzimmer zu Leo und den Kindern komme, ist alles still und entspannt. Ich schaue Leo dankend an und schelte mich in Gedanken, dass ich mich doch auch in Ruhe hätte anziehen und vielleicht sogar die Bodylotion benutzen können. Leo hat ja alles im Griff. Dennoch kann ich seine Erleichterung sehen, als ich ihm ein Kind abnehme. Vielleicht ist es auch das Wissen um diesen Blick, der mich schnell aus der Dusche treibt. Denn Ich weiß auch, wie anstrengend es ist die Beiden alleine glücklich zu halten und möchte ihm das nicht zu lange zumuten. Aber vielleicht, ganz vielleicht, ach nein doch nicht, oder vielleicht doch? Also vielleicht ist es auch mein mütterlicher Kontrollwahn, der mich antreibt.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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