Nacht 2
Zwei Tage und eine Nacht waren wir nun schon zu viert. Aber die Freude darüber war doch ein wenig spärlich. Bei jeder Bewegung schmerzte mein ganzer Körper. Ich hatte kaum geschlafen und fühlte mich von der neuen Verantwortung überrollt. Zu schaffen machte mir auch die Sache mit den Blutzuckerwerten der Chaosboys. Von Beginn an wurden uns diverse Werte an den Kopf geworfen, die wir nicht einschätzen konnten. Aus dem Verhalten der Schwestern schloss ich, dass sie nicht gut waren. Denn in regelmäßigen Abständen wurden uns die Kinder abgenommen, irgendwohin geschoben und kurze Zeit später kam eine Schwester wieder hektisch rein und verlangte, dass die Kinder nun zugefüttert werden sollten. Meist brachte sie das entsprechende Fläschchen direkt mit. Ich verstand überhaupt nicht, was da vor sich ging und Erklärungen wurde keine mitgeliefert. Ich ärgerte mich über mein Unwissen, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, was die Auswirkungen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels waren. Ich wusste jedoch, dass ich die Kinder stillen wollte und das sie meine Brust auch gut akzeptierten. Warum also mussten wir ihnen ständig die Flasche geben?
„Weil sie es brauchen.“, war die barsche Antwort einer Schwester, die uns verdattert aber nicht klüger hinterließ.
Durchzogen von dieser inneren Unruhe und Nervosität war ich in den Anblick meiner Kinder versunken als Leo unvermittelt sagte: „Lotte, es ist jetzt 21.00 Uhr. Ich würde dann jetzt gehen.“ Mir entglitten die Gesichtszüge. Leo bemerkte es, wusste aber auch nichts zu sagen und stand hilflos neben dem Bett. Für mich war es das Schlimmste, dass er abends gehen musste. Ich konnte mich nur so schlecht bewegen und hatte bereits jetzt Angst vor der Nacht. Die Chaosboys waren so verletzlich und ich so ungeübt mich um zwei so winzige Dinger zu kümmern. Der Zwischenfall in der letzten Nacht machte mir auch nicht gerade Mut. Da war ich irgendwann aus meinen Dämmerschlaf hochgeschreckt, weil einer der Chaosboys, ich weiß nicht mehr wer, erbärmlich hustete, würgte, spuckte und gleichzeitig noch schrie. Bewegungsunfähig drückte ich panisch den Notfallknopf.
Leider war dies ohne jegliche Konsequenz. Inzwischen war meine Bettnachbarin auch wach geworden und drückte ebenfalls fleißig mit. Als nichts geschah, kämpfte ich gegen meinen schmerzenden Körper an, stemmte mich hoch und hievte das würgende Kind aus dem Bett und beruhigte es mit leisem Gesang. Die Vorstellung wieder einen solchen Moment der Hilflosigkeit und Ohnmacht zu erleben machte mir Panik.
„Leo“, sagte ich leise, „legst du sie mir noch in den Arm? Dann sind sie sicher bei mir.“ Sanft legte er mir einen rechts und einen links in die Armbeugen, gab mir einen Gutenachtkuss und streichelte über meine Haare. Dann war er weg. Wie komisch, dachte ich, seit wir eine Familie waren, fühlte ich mich so allein.
Leo war gerade gegangen als die Nachtschwester kam, um die Kinder für die Blutzuckermessung mitzunehmen. Traurig schaute ich ihnen hinterher. Als sie kurz darauf wieder kam, hatte sie die Fläschchen bereits im Gepäck. Während sie dem einen und ich dem anderen Kind versuchte ein paar Milliliter in die Kehle laufen zu lassen, sagte sie ernst: „Wenn die Werte nicht besser werden, müssen die Kinder auf die Neonatologie verlegt werden.“
Langsam hob ich den Kopf. Schaute sie verständnislos an und fühlte mit einer plötzlichen Macht wie mir Leo fehlte. Dann, nach einer kurzen Pause, brach es aus mir heraus. Die Tränen strömten nur so vor sich hin. Ob der Hormone wegen, aus Müdigkeit oder aus purer Verzweiflung, mir war die Last einfach zu groß. Ich heulte und heulte. Ich konnte nicht mehr sprechen und war einfach nur traurig, sauer, hilflos und verzweifelt. Vollkommen übermüdet wusste ich nicht mehr weiter. Wieso kam sie mit diesen Neuigkeiten jetzt, kurz nachdem Leo gegangen ist? Wie sollte ich das jetzt schaffen? Ich war doch allein.
Von meinem Gefühlsausbruch überfordert stand die Schwester da und schaute mich an.
„Nun beruhigen Sie sich mal.“ Ich konnte es nicht ändern. Die Tränen liefen mir weiter runter.
„Anderen Zwillingen geht es viel schlechter nach der Geburt“, fügte sie hinzu und wiederholte es nochmal als das meinen Zustand nicht veränderte.
Sollte mich das aufmuntern? Was weiß ich denn, wie es anderen Zwillingen geht. Ich will das es meinen Kindern gut geht. So kurz nach der Geburt war ich bei weitem nicht in der Lage zu erkennen, wie recht sie hatte. Denn erst viel später lernte ich Zwillingseltern kennen, deren Kinder einen wirklich schwierigen Start hatten. Dagegen waren unsere Probleme nur ein sonniger Spaziergang. Aber jetzt und hier dachte ich nur an das wohl meiner Kinder.
„Heute Nacht“, sprach sie dann weiter, „gehen wir das Zufüttern mal ganz systematisch an und dann schauen wir, wo wir stehen. Es ist doch alles nicht so schlimm.“
Und was sollte das jetzt wieder heißen? Wir gehen das jetzt systematisch an. Was haben die denn die letzten zwei Tage gemacht? Es dämmerte mir nun, dass die genuschelten Worte einer der Schwestern, die mich gestern ins Zimmer schoben mehr Gewicht hatten, als ich angenommen hatte. „Wundern sie sich nicht, das hier jeder was anderes sagt. So ist das hier.“
Wie wahr. Das hatte ich nun schon intensiv zu spüren bekommen. Denn seit wir auf der Station waren, verbreiteten immer unterschiedliche Schwestern nur Unruhe und Chaos. Erst muss schnell zugefüttert werden, dann schnell gestillt, dann ist etwas nicht so schlimm und dann wieder ganz dramatisch. Ich verstand das alles nicht. Vor allem war ich nicht darauf vorbereitet und das zog mir den Boden unter den Füßen weg. In solchen Momenten hätte ich früher schnell mal gegoogelt und so meine Wissenslücke gestopft aber auch dazu fehlte mir bisher die Gelegenheit. Ich blieb also den diversen Meinungen der Schwestern ausgeliefert. Kein Wunder, dass die eventuelle Verlegung der Chaosboys auf die Neonatologie in meinen Ohren wie eine Drohung klang. Die Vorstellung von meinen Kindern getrennt zu werden, war in diesem Moment der blanke Horror für mich.
Ich klammerte mich daher an den Strohhalm der Systematik. Vielleicht half das ja wirklich. Gemeinsam machten wir für die Nacht den Plan, dass ich vor jedem Stillen, spätestens aber alle drei Stunden, klingeln sollte und dann würde der Wert gemessen und je nachdem wie er ausfiel, würden wir unterschiedlich darauf reagieren.
Es half. Ich bekam mich langsam wieder unter Kontrolle. Atmete nach und nach wieder langsamer und auch die Tränen wurden weniger. Es gelang mir sogar eine Zeitlang meine Augen zu schließen.
Als jetzt Mats unruhig wird, klingle ich wie vereinbart nach der Nachtschwester. Ich warte ein paar Minuten aber es kommt keiner. Ich werde ungeduldiger. Mats schreit inzwischen immer mal kurz auf und ich merke, dass er nun dringend meine Brust braucht. Das nimmt mir zusehends meine Ruhe. Wo bleibt denn die Schwester? Oh Nein! Johnny ist nun auch wach. Ich versuche mit leisem Gesang die beiden noch ein wenig hinzuhalten. Nicht das meine Bettnachbarin, die gerade eingeschlafen ist, wieder wach wird. Gleich muss ja mal jemand kommen. Mist. Mats lässt sich von diesem Versuch nicht beruhigen. Inzwischen wird sein Jammern immer intensiver. Er versteht vermutlich gar nicht, warum er nicht trinken darf. Jeder Schrei, den er ausstößt, bereitet mir Qualen. Evolutionsbiologisch gesehen vermutlich ein Überlebensmechanismus von Babys. Für mich in diesem Moment aber eine Zerreißprobe. Ich weiß, wenn ich ihn jetzt stille, dann werden die Messung verfälscht, gleichzeitig habe ich das Gefühl ihn im Stich zu lassen, indem ich ihn einfach weiter weinen lasse. „Gleich kommt jemand“, flüstere ich ihm zu, „gleich kommt jemand und dann geht es schnell besser.“ Auch damit habe ich keinen Erfolg. Ich fange an ihn zu wiegen und ihn abwechselnd zu kuscheln. Gar nicht so leicht, weil Johnny auch noch auf einem Arm liegt und die Schmerzen im Unterkörper so stechend sind. Es kommt einfach keiner, denke ich. Dann halt nicht. So kann es nicht weitergehen.
Ich ziehe mein T-Shirt hoch und lege das Kind an die Brust und genieße das wohltuende Gefühl der augenblicklich entstehenden Stille. Einatmen, ausatmen. Ruhe.
„Hier hat jemand geklingelt?“ vernehme ich jäh die lauten Worte der Nachtschwester.
Ich docke Mats schnell wieder ab. „Er hat noch nicht viel getrunken, wollen sie noch kurz messen?“, erkläre ich leise den Grund des Klingelns.
Die Nachtschwester, eine Schwesternschülerin wie sich später rausstellte, schaut mich verständnislos an. Ich wiederhole leise, was ich gesagt habe. Daraufhin erklärt sie mir, dass sie ein Hörgerät trage und ich doch bitte lauter sprechen solle und sie dabei anschauen solle. Ich versuchte es nochmal. Fokussiere sie im halbdunklen und erhöhe die Lautstärke.
Dabei komme ich mir jedoch reichlich komisch vor so in die dunkle Nacht zu rufen. Die wenigen Minuten, die hier mal jemand zum Schlafen kommt, werden nun dadurch unterbrochen, dass wir die Krankenschwester anbrüllen müssen. Die Schwester versteht mich diesmal zumindest akustisch und fragt: „Messungen? Welche Messungen?“
Nicht schon wieder, denke ich. Werden denn gar keine Informationen weiter gegeben. „Die Blutzuckermessung!“, spreche ich laut und deutlich.
„Das tut mir Leid, sagt sie, „das müssen Sie mir kurz erläutern. Davon weiß ich nun nichts.“
Ich resigniere seufzend. Das war es dann wohl mit der Systematik. Ich werde ihr nun wirklich nicht die ganze Patientengeschichte entgegenschreien. Das jammernde und weinende Kind lege ich wieder an und rufe ihr laut zu: „Alles gut, Danke.“
Meine Bettnachbarin sitzt kerzengerade im Bett. Als sie merkt, was vor sich geht, lässt sie sich stöhnend zurückfallen. Ich tue dasselbe mit dem unguten Gefühl weder den Kindern noch der Schwester mit ihren Einschränkungen gerecht geworden zu sein. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch irgendwie verarscht und genervt. Ich verbuche den Versuch eine Systematik in die Messungen zu bringen als gescheitert und schalte wieder auf Intuition um.
Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/