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Gute Nacht liebes Chaos

Kennt ihr das? Es ist Zeit, dass die Kinder schlafen gehen sollen und ihr schaut euch in der Wohnung um und fragt euch, wie es nur möglich sein kann so ein Chaos anzurichten? Dann ist dieser Blog für Euch! Wir nehmen dann meist unsere Chaosboys gehen gemeinsam durch die Zimmer und wünschen dem lieben Chaos eine gute Nacht und dann wird aufgeräumt.

Hier erzähle ich euch fiktive Geschichten aus meinem Alltag mit Zwillingen. Geschichten über die kleinen unbedeutenden Situationen, nervigen Gedanken und tägliche Hürden. Über die Dinge, die kein anderer sieht, die uns aber erst zu den unperfektesten Eltern machen, die unsere Kinder brauchen.

Diese Momente, wenn wir auf dem Boden sitzen und darauf warten, dass das Kind sich endlich mal dreht. Die Momente, wenn wir wütend werden, weil beim Essen wieder mal alles auf dem Boden nichts aber in dem Kind gelandet ist. Und die wunderbaren Glücksmomente, wenn das Kind uns anlächelt, wenn es sich mit Freude in unsere Arme wirft oder wenn einfach mal der ganze Tag gut gelaufen ist und wir abends bei einem Wein unsere Lieblingsserie schauen.

All diese schönen und hässlichen Gedanken, die uns Eltern während der Bewältigung des Alltags beschäftigen, finden hier ihren Platz. Also denkt dran: Ihr seid nicht allein. Auch wenn es manchmal so aussieht. Es gibt keine perfekten Eltern und wir alle sind perfekt.

Gute Nacht liebes Chaos!

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WASSERTROPFEN

Tag 12

Das Wasser tröpfelt mir auf den Kopf, läuft am ganzen Körper runter. Meine Haare saugen sich langsam voll und kleben mir im Gesicht. Ich lasse es geschehen. Genieße den Augenblick. An meine Ohren dringt kein Geräusch. Nur das Rauschen des plätschernden Wassers kommt bei mir an. Alles andere wird vom Wasserstrahl verschluckt. Es fühlt sich an wie Stille. Kein Quietschen, kein Jammern, kein Weinen der Kinder ist zu hören.
Oder? War da vielleicht was? Weint da ein Kind und braucht mich? Ich strecke den Kopf aus der Dusche um nochmal sicher zu gehen, ziehe ihn aber dann ganz schnell zurück. Lotte, ermahne ich mich, du bist duschen. Den Kindern geht es gut bei Leo. Reiß dich zusammen!

Ich konzentriere mich auf die einzelnen Wassertropfen, um mein gluckenhaftes Verhalten zu unterdrücken. Das ist eine wahre Kraftanstrengung. Wie gut, dass ich vor dem Duschen die Badezimmertür geschlossen habe, sonst hätte ich wohlmöglich doch etwas gehört. Und zum Glück haben wir zuletzt in diese Regendusche investiert. Jetzt kann ich mich hier wirklich vollständig drunter stellen und die Welt um mich herum für einen Moment ausknipsen.
Betont langsam beginne ich mir Shampoo ins Haar einzumassieren. Das Duschen ist heute wieder mal der einzige Moment, an dem ich nicht irgendwie mit einem der Kinder beschäftigt bin. Irgendwas ist immer.
Leider fällt es mir auch äußerst schwer jemand anderen mal machen zu lassen. sobald einer der beiden auch nur das kleinste Anzeichen von Unzufriedenheit zeigt, spannt sich mein ganzer Körper an und es drängt sich das unbändige Verlangen auf, das Kind auf den Arm zu nehmen und es zu umsorgen. Egal bei wem es gerade ist. Selbst Leo muss unter diesen Behütungsanfällen leiden. Es gelingt mir selten die nötige Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, sodass er seinen Weg finden kann, um die Kleinen zu trösten.
Noch während der Schwangerschaft dachte ich, ich sei so ne coole, entspannte Mutter, ich bräuchte nicht wie ne Glucke bei jedem Ton direkt handeln. Ich habe auch immer groß getönt, wie schnell ich wieder arbeiten gehen möchte. Tja, leider stellt sich raus, dass mein Naturell etwas anders ist. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen halt manchmal Welten und zwischen Handeln und Überzeugung offensichtlich auch. Aber optimistisch im Herzen bin ich überzeugt, dass sich das mit der Zeit relativieren wird. Hoffentlich!

Jetzt erstmal duschen und das warme Wasser genießen. Ich spüle die Haare aus. Ach Duschen! Diese Energie, die man in diesen wenigen Minuten der vollständigen Isolation erhält. Es ist zurzeit der einzige Moment, der mir die nötige Kraft gibt, um weiter zu machen. Es wäre schön diese paar Minuten Körperpflege, und Regeneration jeden Tag genießen zu können. Aber immer wieder schaffen wir es nicht, dass wir beide duschen können. Jetzt ist es auch schon wieder 17.00 Uhr. Der Tag ist schon rum bevor er überhaupt begonnen hat.
Schweren Herzens drehe ich das Wasser aus und höre im selben Moment ein Kind weinen. Ich seufze, atme tief durch und trockne mich in Windeseile ab und ziehe mich im Eiltempo an. Als ich ins Wohnzimmer zu Leo und den Kindern komme, ist alles still und entspannt. Ich schaue Leo dankend an und schelte mich in Gedanken, dass ich mich doch auch in Ruhe hätte anziehen und vielleicht sogar die Bodylotion benutzen können. Leo hat ja alles im Griff. Dennoch kann ich seine Erleichterung sehen, als ich ihm ein Kind abnehme. Vielleicht ist es auch das Wissen um diesen Blick, der mich schnell aus der Dusche treibt. Denn Ich weiß auch, wie anstrengend es ist die Beiden alleine glücklich zu halten und möchte ihm das nicht zu lange zumuten. Aber vielleicht, ganz vielleicht, ach nein doch nicht, oder vielleicht doch? Also vielleicht ist es auch mein mütterlicher Kontrollwahn, der mich antreibt.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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IKARUS

Tag 11

„Wie schrumpelig sie sind,“ durchbreche ich die Stille. „Aber trotzdem wunderschön irgendwie, oder?“, ergänze ich noch nachdenklich und sinniere weiter: „Weißt du, was ich mich frage? Vielleicht sind sie ja objektiv gar nicht so schön. Vielleicht sind das ja auch so Kinder, bei deren Anblick man sich eher so denkt. Puh! Hübsch ist anders. Also ich würde das nie laut sagen aber heimlich finde ich diese Schrumpeligkeit eigentlich eher unschön.“
„Sagst du etwa unsere Kinder sind hässlich“, merkt Leo belustigt an. Ich registriere seinen Tonfall freudig. Seit der Geburt der Kinder sind diese Momente der entspannten Kommunikation rar geworden.
„Auf gar keinen Fall!“, empöre ich mich gespielt. „Aber ich finde, dass sie eher was von Rumpelwichten haben. Die würde man ja auch nicht als schön bezeichnen. Süß ja, aber eben auch eher etwas … mmh … rumpelig.“
„Rumpelig?“, Leo grinst. „Ist denn diese Wortkreation eher positiv oder negativ zu bewerten?“ Ich zucke etwas beschämt mit den Schultern. „Mir ist kein besseres Wort eingefallen. Schau doch mal all diese überschüssige Haut, die sich hier abperlt und die Falten an den speckigen Fingern. Wie soll man das denn bezeichnen?“
„Perfektion,“ kommt von Leo ohne ein Zögern. Er schaut sich die Beiden an. „Ehrlich, Lotte, schau doch mal. Sie sind perfekt, wie sie sind. So rumpelig, schrumpelig und klein. Wen interessiert schon objektive Schönheit?“
Da war es wieder. Leos Worte waren stets so voller Wärme und Zuneigung für seine Babys. Nie zog er ihre Vollkommenheit in Zweifel. Nie würde er auch nur ein bisschen Arbeit, die er ihretwegen hat, ihnen vorwerfen. Nie werden sie für ihn etwas anderes als makellos sein. Immer werden sie ihn aber um den Finger wickeln können. Er wird das wissen und es trotzdem mit einem seligen Gefühl geschehen lassen. Ich lächelte. Mich erwärmte seine Art von den Kindern zu sprechen von Innen.

Als hätte er uns gehört, schien Mats Leo recht geben zu wollen und setzt seine Babycharme in Gang. Langsam gehen seine Augen auf. Fallen dann ebenso langsam wieder zu. Gehen auf und zu. Der ganze Körper knautscht sich. Er zieht sich zusammen und streckt sich. Das Aufwachen scheint Schwerstarbeit zu sein. Die Augen blinzeln. Sie öffnen sich wieder. Tief blau. Schwierig zu erahnen, was sie jetzt schon sehen können. Es heißt 20 bis 30 Zentimeter. Der Blick ist aber häufig so unbeteiligt, so abwesend, fast schon ein bisschen dümmlich. Doch diesmal ist es anders. Diesmal beginnt Mats zu fokussieren. Wir folgen seinem Blick.

„Da“, sagt Leo, „schaut er direkt ins Licht, der kleine Ikarus.“

„Ja,“ sag ich und das Gespräch wieder aufnehmend ergänze ich noch. „Um hoch zu steigen und tief zu fallen, ist die Schönheit ja auch Nebensache.“
Wir schauen Mats eine Weile gebannt zu, wie er die Lichtquelle studiert. Ich muss Leo Recht geben. Wen interessiert schon Schönheit. Faszinierend ist er allemal, dieser rumpelige Ikarus.

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STILLE KETTEN

Tag 10

Es ist wieder soweit. Es war eigentlich ständig soweit. Zwei kleine Wesen verlangen nach Milch. Notgedrungen begebe ich mich zum Sofa. Ich entferne mich ja sowieso kaum mehr als zwei Meter von dort. Ein Gang ins Bad gilt zurzeit als Weltreise. Und wer hat schon Zeit für eine Weltreise? Während ich mich setze, drapiere ich bereits die Kissen um mich rum. Jedes Kissen hat einen spezifischen Platz, damit mir gleich kein Kind von der Brust weg kugelt. Leo, selbsternannter Stillassistent, reicht mir nacheinander die Kinder an. Wir sind inzwischen ein Team aber Training ist leider noch dringend notwendig. Ganz reibungslos und eingespielt läuft es selten. Ich muss die Chaosboys jetzt stillen.

Stillen was für ein abstrakter Begriff. Er rangiert für mich in derselben Kategorie wie Liebe. Von beidem haben wir eine aufgeblasene, verklärte Idee im Kopf. Und die schrammt nicht nur an der Realität vorbei, nein, sie ist mindestens eine Schlucht weit entfernt. Bevor die Kinder da waren, sah ich mich entspannt zurückgelehnt irgendwo rum sitzen, vielleicht sogar in einem Café und mein Kind stillen. Dabei bin ich vertieft in ein Gespräch mit einer Freundin oder wahlweise auch mal in ein Buch. (Die Freundinnen müssen ja vielleicht auch arbeiten). Manchmal bin ich auch ganz versunken in den Anblick meines Kindes, das still vor sich hin nuckelt. Hinterher ist es dann satt und glücklich und alles ist gut. So hat das doch zu sein oder? So wird uns das doch erzählt. So erfüllt uns Frauen das Stillen doch durch und durch? Oder etwa nicht?

Ich kann davon in diesem Augenblick nämlich gar nichts sehen, geschweige denn spüren. Die Chaosboys zu stillen ist in erster Linie anstrengend, häufig dröge und immer ein Balanceakt. Die zappeligen Dinger an die Brust zu legen, obwohl sie nicht die Kraft haben, diese selbst im Mund zu behalten grenzt an eine Akrobatikvorführung. Schade also, dass meine Talente nicht im Bereich der grazilen Körperkoordination liegen.

Leo reicht mir zuerst Mats an. Ich lege ihn auf die vorbereiten Kissen. Nach ein paar Minuten gelingt es mir, ihm die Brust in den Mund zu schieben. Er dockt an und beginnt zu trinken. Jetzt ist Johnny dran. Das zweite Kind ist immer der schwierigere Teil. Ohne meinen Oberkörper zu sehr zu bewegen, lege ich sanft Johnny an die andere Brust. Oder versuche das zumindest. Ich brauche zwei Hände dafür. Eine, um die die Brust in Position zu bringen, die andere, um den Kopf von Johnny zu halten. Währenddessen muss Leo Mats‘ Kopf festhalten, damit er nicht wieder abrutscht.
Wir Mühen uns ab. Es braucht ein paar Versuche bis beide gemeinsam trinken können. Interessant übrigens, so kommt mir der Gedanke, wie die Stillhormone hier mitspielen. Ich sitze hier, fast unbekleidet und keine Hemmschwelle ist mehr da. Das ist praktisch, denn wie sollte man sonst zum Stillen kommen. Aber mit dem Schamgefühl ist auch das Gefühl sich schön oder gar sexy zu fühlen verloren gegangen. Komisch. Ist man so Mutter?

Vor mich hin sinnierend, registriere ich betrübt, das Leo das Wohnzimmer verlässt. Er macht jetzt bestimmt irgendwo anders sinnvolle Dinge. Ich weiß nicht genau was. Spülen, putzen, kochen. Keine Ahnung. Ich würde ihm gerne helfen, einfach bei ihm sein. Hier rum sitzend und stillend fühle ich mich nutzlos. Gerne würde ich mal eben schnell diesen Teller da vorne auf dem Couchtisch wegräumen oder den Staub von der Fensterbank wischen. Da starre ich nämlich immer drauf, wenn ich hier festgeklettet sitze. Ich drehe den Kopf hin und her. Er ist immerhin das einzige Körperteil, dass ich bewegen kann ohne, dass die Kinder von der Brust rutschen. Ich seufze und starre dann doch lieber wieder den Teller an. Das Chaos in diesem Zimmer möchte ich dann doch nicht so intensiv betrachten. Hier muss nämlich dringend, wirklich dringend mal aufgeräumt werden. Aber ich häng hier ja fest. Könnte ich tauschen, würde ich jetzt liebend gern jemanden das Stillen überlassen und hier für Ordnung sorgen. Dabei sind Hass und Hausarbeit für mich Synonym zu verwenden. Genau deshalb überdenke ich meinen Einstellung noch mal. Vermutlich würde ich doch nicht aufräumen, wenn ich die Chance hätte. Stattdessen würde mich der Staub, der dreckige Teller auf dem Tisch und die Unordnung gar nicht stören. Dann würde ich sicherlich entscheiden, nicht aufzuräumen, es auf später verschieben und den Raum verlassen. Ich ginge irgendwohin, wo es schön ist. Ach, hätte, wenn und aber, bringt mich ja auch nicht weiter.

Ich kriege Durst. Auch das ist wieder vorhersehbar gewesen. Während unten gesaugt wird, muss oben Flüssigkeit nachgefüllt werden. Ich strecke meinem Arm nach der Flasche aus. Typisch. Sie steht mal wieder fünf Zentimeter zu weit entfernt.
„Leo?“ rufe ich fragend in den stillen Raum hinein.
Keine Antwort.
Schade.
Ich versuche es nochmal. Ohne Konsequenz. Wir haben wenig in den letzten Tagen gesprochen. Häufig ist Besuch da oder er ist einkaufen und erledigt, wie jetzt, andere nützliche Aufgaben. Einer musste es ja machen. Ich fühle mich trotzdem einsam hier. Ich sitze alleine rum. Kann nicht mal auf das Telefon schauen, da mir die Kinder dann von der Brust rutschen und vermisse ein richtiges Gespräch mit Leo. So eine richtige ewig dauernde Unterhaltung, in der wir von einem Ast zum nächsten hüpfen und am Ende wissen, wie Weltfrieden geht und warum er nie eintreten wird. Aber im Moment war alles, was aus meinem Mund kam nur welches Kind wieviel getrunken, geschlafen und Windeln verbraucht hat. Nicht sonderlich gehaltvolle Kommunikation. Aber diese Themen nehmen gerade meinen ganzen Kopf ein. Es gelingt mir nicht, an etwas anderes zu denken. Das macht es nicht spannender nur einsamer. Wen interessiert schon, ob Mats nun 20 oder 30 Minuten trinkt, wie häufig er die Windel voll hat und was er gerade für Geräusche von sich gibt. Niemanden. Dennoch weiß ich all das bis ins kleinste Detail und teile es auch bereitwillig mit. Unterdessen könnte Trump den nuklearen Krieg erklären und ich würde doch nur denken, dass es besser sei, wenn Johnny noch etwas mehr Milch zu sich nähme.

Ich höre das knarren der Wohnungstür und meine misanthropischen Gedanken werden glücklicherweise unterbrochen. Leo hat also die Wäsche auf dem Dachboden aufgegangen.
„Leo?“ Vielleicht gelingt es mir ja jetzt seine Aufmerksamkeit zu erregen. Allerdings rufe ich diesmal leiser. Mats und Johnny sind gerade dabei einzuschlafen und mir wäre es lieb, wenn das klappen würde.
Er kommt ins Zimmer.
„Das Wasser“, patze ich ihn an.
Er schaut mich irritiert an. Er kann ja nicht wissen, woher die schlechte Laune kommt.
„Ich stell die Wäsche an,“ antwortet er ebenso patzig. Weiß ich woher seine schlechte Laune kommt? Er reicht mir noch das Wasser und geht.
Ich wäre gerne freundlicher gewesen. Leo war unentwegt im Einsatz. Gleichzeitig bin ich aber sauer und traurig immer noch alleine ans Sofa gekettet rum zu sitzen. Die Einsamkeit zerrt an mir.

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AUSFLUG

Tag 8

Es ist Zeit! Es ist Zeit für unseren allerersten Ausflug mit den Kindern. Und mit Ausflug meine ich etwas ganz aufregendes. Unser erster kurzer Spaziergang um den Block steht an. Man mag es lächerlich finden, das einen Ausflug zu nennen aber uns stellt es vor eine logistische Meisterleistung. Denn wir lernen gerade qualvoll, dass es Babys gibt, die es nicht mögen einfach so gemütlich irgendwo rum zu liegen, um dann einzuschlafen.
Also müssen die Chaosboys schlafend in den Kinderwagen gelegt werden. Natürlich müssen sie dafür gleichzeitig einschlafen, damit nicht der Eine schon wieder wach ist und der Andere gerade erst eingeschlafen ist. Puh.

„Außerdem“, frage ich Leo nachdenklich, „was ziehen wir ihnen eigentlich an?“
„Keine Ahnung,“ sagt er.
Ich muss lachen. Wir sind einfach immer so ahnungslos. Wie soll das nur weiter gehen.
„Minus drei Grad“, murmelt Leo auf sein Telefon schauend.
Ich schau ihn an. „Ja, das es kalt ist habe ich mir schon gedacht. Aber was ziehen wir ihnen an?“ Ich grinse.
„Vielleicht ein paar Schichten Kleidung, die Mützen und dann den Wollanzug drüber?“, sagt er halbwegs ernst.
„Wir haben ja auch die Felle hier drin liegen,“ ergänze ich und dann noch die Decken, die meine Tante uns gestrickt hat drüber. Und fertig?“, füge ich noch fragend an.
„Dann fehlen jetzt ja nur noch die schlafenden Kinder“, sagt Leo im sarkastischen Ton. Meine Laune schwankt dabei von belustigt und Vorfreude zu Stress.
Ok. Schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich stille sie jetzt und mit viel Glück schlafen sie dabei ein und sind zugleich nicht mehr hungrig, wenn wir unterwegs sind.

Es klappt zumindest nach einer etwas länglichen Stillsession kann ich sehen wie Johnny langsam die Augen zufallen.
„Leo“, sage ich, „es ist soweit.“ Sanft hebt er ihn hoch und legt ihn in den Kinderwagen. „Noch nicht zu decken“, rufe ich ihm rüber.
Er schaut mich genervt an. „Ach ne.“
Nun beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Ich hoffe, das Matz nun auch schnell die Augen schließt. Wir haben Glück. Seine Augen werden schwer. Ich atme erleichtert auf. Leo nimmt Matz und legt ihn in ebenfalls den Kinderwagen und ich schlüpfe schnell in meine Stiefel. Johnny wirkt bereits etwas unruhig. Jetzt schnell raus.

Geschafft. Wir stehen draußen. Beide Kinder schlafen und ich atme die kalte Luft. Ich bin schon mehrere Tage nicht raus gekommen. Jetzt hier draußen zu stehen, während die Sonne untergeht, ist einfach toll. Ich schaue Leo an und obwohl wir gerade mindestens zwei Stunden gebraucht haben, um hier zu stehen, sage ich zu ihm: „Ich bin so glücklich.“ Und in diesem Moment meine ich es auch. Das erste mal seit der Geburt der Chaosboys, dass ich das auch wirklich fühle. Die letzten Tage waren so anstrengend und alles ist so neu. Wir müssen so viel lernen. Doch dieser Moment gibt mir unglaublich viel Kraft.
Leo macht ein Foto und zeigt es mir.
„Hier, meine kleine Zwergenanführerin,“ sagt er „schiebst du das erste mal deine Kinder spazieren.“

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ZU HAUSE

Tag 6

Wir hatten es geschafft. Irgendwie hatten wir die Kinder im Krankenhaus in die Autositze verfrachtet. Sie wirkten so verletzlich und schutzlos in den viel zu großen Sitzen. Aber wir hatten es geschafft. Die zehn Minuten Fahrweg nach Hause liefen reibungslos und waren trotzdem eine nervliche Achterbahnfahrt für mich. Ich konnte mich kaum zusammen reißen und begann schon beim Ausparken meiner Mutter, die uns fuhr, immer wieder zu sagen, dass sie bitte vorsichtig fahren sollte. Sie nahm es gelassen. 

Zu Hause hatten wir es dann auch geschafft Abend zu essen. Friedlich lagen die Kinder dabei neben uns und schliefen und wir waren stolz wie Bolle, dass wir am Tisch essen konnten und unser Essen noch warm war. (In dem Moment glaubten wir ernsthaft das würde so bleiben. Welch ein Trugschluss?)

Glücklich zu Hause zu sein, gingen wir also ins Bett. Und hatten so auch die erste Nacht geschafft. 

Doch das wars. Jetzt schaffe ich nichts mehr. Ich bin schon wieder nur am Heulen. Nichts klappt mehr. Ich will beide Kinder stillen aber Mats gelingt es nicht so recht. Er trinkt nur sehr kurz und schläft dann wieder ein. Meine Tränen laufen ununterbrochen. Immer wieder schaue ich verzweifelt Leo an, der Johnny inzwischen auf dem Arm hat. In meinem Kopf läuft der Panikmodus in Endlosschleife. Was wenn Mats nicht genug trinkt. Was wenn er jetzt wieder Probleme mit dem Blutzucker hat und wir bekommen es gar nicht mit, da wir nicht messen können. Was wenn sich deswegen sein Gehirn nicht richtig entwickelt. Denn ich hatte irgendwo aufgeschnappt, das der Blutzuckerspiegel mit der Gehirnentwicklung zusammenhängt. Wie soll das so weiter gehen? Er muss doch was trinken! Die Stillberatung im Krankenhaus hatte immer wieder und wieder gesagt, dass wir die Chaosboys alle drei Stunden trinken lassen sollen und dann würde eine Mahlzeit 40 Minuten dauern. Das haut bei mir hinten und vorne nicht hin. Wenn einer mal 10 Minuten trank, bevor er wieder einschlief oder vom Stillkissen runter wollte war das lang. Mats schaffte meist eh nur 2-5 Minuten. Das stresst mich. So wird er doch nicht richtig satt. Ich wünsche mich augenblicklich in dieses furchtbare Krankenhaus zurück, wo mir jemand sagen kann, was ich jetzt tun soll und wie es um den Wert steht. Aber das geht nicht. Wieso habe ich mich gestern noch mal so gefreut aus dem Krankenhaus zu kommen? Dort war man trotz der unterschiedlichen Meinungen ja wenigsten versorgt. Hier allein konnte das doch gar nicht funktionieren. Ich bin überfordert und hoffe einfach das Mats noch etwas trinkt. Zusätzlich ist es bereits 13.00 Uhr und wir haben es noch nicht geschafft das Schlafzimmer zu verlassen. Das finde ich so furchtbar. Ich will aus meinen Schlafklamotten raus. Aber wie und wann soll ich das noch tun?

Derartige Gedanken kreiseln in meinem Kopf herum, während Leo nur sieht wie mich ein Heulkrampf nach dem anderen schüttelt. Weder höre ich, dass es klingelt noch merke ich wie Leo das Zimmer verlässt. So sehr hat der Panikmodus bereits Besitz von mir ergriffen. Als dann plötzlich unsere Hebamme in der Zimmertür steht, bin ich kurz irritiert. Erinnere mich dann aber an den Termin. Ihr erster Besuch seit die Kinder da sind. Sie schaut mich noch bekleidet im warmen Wintermantel an und versteht offensichtlich sofort wie es mir geht. 

Sie zögert keine Sekunde, als sie mich heulendes Wrack da auf der Bettkante sitzen sieht, eingepfercht hinter einem Stillkissen und mit einem schlafenden Kind im Arm. Sie kommt zu mir rüber setzt sich vor mich auf den Boden. Zu mir hoch schauend fragt sie, was mich denn plage? 

Unfassbar was diese einfache Geste verbunden mit der Frage nach meinem Wohlbefinden in mir auslöst. Ich fühle mich augenblicklich aufgehoben, meine Füße finden wieder halt und der Panikmodus ist wie ausgeknipst. Ich gewinne meine Sicherheit zurück. Ihre selbstverständliche Art sich zu mir runter zu begeben, ohne mich von oben herab zu belehren, ist für mich in diesem Moment ein wahres Wunder. Dabei ist es mir keinen Moment lang unangenehm, dass ich so wenig präsentabel aussehe. Denn trotz der Nähe die sie aufbaut, wart sie eine respektvolle Distanz. Sie hört mir zu. Nimmt mich ernst. Stellt uns Fragen. Schnell zieht sie dann das beeindruckende Fazit: „Es geht oben was rein, es kommt unten was raus. Den Kindern geht es gut.“ Einfach und logisch und die Welt fühlt sich plötzlich wieder so viel leichter an. Als sie geht, bin ich dennoch froh, dass sie am nächsten Tag wieder kommen wird.

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BLUTZUCKER

Nacht 2

Zwei Tage und eine Nacht waren wir nun schon zu viert. Aber die Freude darüber war doch ein wenig spärlich. Bei jeder Bewegung schmerzte mein ganzer Körper. Ich hatte kaum geschlafen und fühlte mich von der neuen Verantwortung überrollt. Zu schaffen machte mir auch die Sache mit den Blutzuckerwerten der Chaosboys. Von Beginn an wurden uns diverse Werte an den Kopf geworfen, die wir nicht einschätzen konnten. Aus dem Verhalten der Schwestern schloss ich, dass sie nicht gut waren. Denn in regelmäßigen Abständen wurden uns die Kinder abgenommen, irgendwohin geschoben und kurze Zeit später kam eine Schwester wieder hektisch rein und verlangte, dass die Kinder nun zugefüttert werden sollten. Meist brachte sie das entsprechende Fläschchen direkt mit. Ich verstand überhaupt nicht, was da vor sich ging und Erklärungen wurde keine mitgeliefert. Ich ärgerte mich über mein Unwissen, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, was die Auswirkungen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels waren. Ich wusste jedoch, dass ich die Kinder stillen wollte und das sie meine Brust auch gut akzeptierten. Warum also mussten wir ihnen ständig die Flasche geben? 

„Weil sie es brauchen.“, war die barsche Antwort einer Schwester, die uns verdattert aber nicht klüger hinterließ. 

Durchzogen von dieser inneren Unruhe und Nervosität war ich in den Anblick meiner Kinder versunken als Leo unvermittelt sagte: „Lotte, es ist jetzt 21.00 Uhr. Ich würde dann jetzt gehen.“ Mir entglitten die Gesichtszüge. Leo bemerkte es, wusste aber auch nichts zu sagen und stand hilflos neben dem Bett. Für mich war es das Schlimmste, dass er abends gehen musste. Ich konnte mich nur so schlecht bewegen und hatte bereits jetzt Angst vor der Nacht. Die Chaosboys waren so verletzlich und ich so ungeübt mich um zwei so winzige Dinger zu kümmern. Der Zwischenfall in der letzten Nacht machte mir auch nicht gerade Mut. Da war ich irgendwann aus meinen Dämmerschlaf hochgeschreckt, weil einer der Chaosboys, ich weiß nicht mehr wer, erbärmlich hustete, würgte, spuckte und gleichzeitig noch schrie. Bewegungsunfähig drückte ich panisch den Notfallknopf. 

Leider war dies ohne jegliche Konsequenz. Inzwischen war meine Bettnachbarin auch wach geworden und drückte ebenfalls fleißig mit. Als nichts geschah, kämpfte ich gegen meinen schmerzenden Körper an, stemmte mich hoch und hievte das würgende Kind aus dem Bett und beruhigte es mit leisem Gesang. Die Vorstellung wieder einen solchen Moment der Hilflosigkeit und Ohnmacht zu erleben machte mir Panik.

„Leo“, sagte ich leise, „legst du sie mir noch in den Arm? Dann sind sie sicher bei mir.“ Sanft legte er mir einen rechts und einen links in die Armbeugen, gab mir einen Gutenachtkuss und streichelte über meine Haare. Dann war er weg. Wie komisch, dachte ich, seit wir eine Familie waren, fühlte ich mich so allein. 

Leo war gerade gegangen als die Nachtschwester kam, um die Kinder für die Blutzuckermessung mitzunehmen. Traurig schaute ich ihnen hinterher. Als sie kurz darauf wieder kam, hatte sie die Fläschchen bereits im Gepäck. Während sie dem einen und ich dem anderen Kind versuchte ein paar Milliliter in die Kehle laufen zu lassen, sagte sie ernst: „Wenn die Werte nicht besser werden, müssen die Kinder auf die Neonatologie verlegt werden.“ 

Langsam hob ich den Kopf. Schaute sie verständnislos an und fühlte mit einer plötzlichen Macht wie mir Leo fehlte. Dann, nach einer kurzen Pause, brach es aus mir heraus. Die Tränen strömten nur so vor sich hin. Ob der Hormone wegen, aus Müdigkeit oder aus purer Verzweiflung, mir war die Last einfach zu groß. Ich heulte und heulte. Ich konnte nicht mehr sprechen und war einfach nur traurig, sauer, hilflos und verzweifelt. Vollkommen übermüdet wusste ich nicht mehr weiter. Wieso kam sie mit diesen Neuigkeiten jetzt, kurz nachdem Leo gegangen ist? Wie sollte ich das jetzt schaffen? Ich war doch allein. 

Von meinem Gefühlsausbruch überfordert stand die Schwester da und schaute mich an. 

„Nun beruhigen Sie sich mal.“ Ich konnte es nicht ändern. Die Tränen liefen mir weiter runter. 

„Anderen Zwillingen geht es viel schlechter nach der Geburt“, fügte sie hinzu und wiederholte es nochmal als das meinen Zustand nicht veränderte. 

Sollte mich das aufmuntern? Was weiß ich denn, wie es anderen Zwillingen geht. Ich will das es meinen Kindern gut geht. So kurz nach der Geburt war ich bei weitem nicht in der Lage zu erkennen, wie recht sie hatte. Denn erst viel später lernte ich Zwillingseltern kennen, deren Kinder einen wirklich schwierigen Start hatten. Dagegen waren unsere Probleme nur ein sonniger Spaziergang. Aber jetzt und hier dachte ich nur an das wohl meiner Kinder.

„Heute Nacht“, sprach sie dann weiter, „gehen wir das Zufüttern mal ganz systematisch an und dann schauen wir, wo wir stehen. Es ist doch alles nicht so schlimm.“ 

Und was sollte das jetzt wieder heißen? Wir gehen das jetzt systematisch an. Was haben die denn die letzten zwei Tage gemacht? Es dämmerte mir nun, dass die genuschelten Worte einer der Schwestern, die mich gestern ins Zimmer schoben mehr Gewicht hatten, als ich angenommen hatte. „Wundern sie sich nicht, das hier jeder was anderes sagt. So ist das hier.“ 

Wie wahr. Das hatte ich nun schon intensiv zu spüren bekommen. Denn seit wir auf der Station waren, verbreiteten immer unterschiedliche Schwestern nur Unruhe und Chaos. Erst muss schnell zugefüttert werden, dann schnell gestillt, dann ist etwas nicht so schlimm und dann wieder ganz dramatisch. Ich verstand das alles nicht. Vor allem war ich nicht darauf vorbereitet und das zog mir den Boden unter den Füßen weg. In solchen Momenten hätte ich früher schnell mal gegoogelt und so meine Wissenslücke gestopft aber auch dazu fehlte mir bisher die Gelegenheit. Ich blieb also den diversen Meinungen der Schwestern ausgeliefert. Kein Wunder, dass die eventuelle Verlegung der Chaosboys auf die Neonatologie in meinen Ohren wie eine Drohung klang. Die Vorstellung von meinen Kindern getrennt zu werden, war in diesem Moment der blanke Horror für mich. 

Ich klammerte mich daher an den Strohhalm der Systematik. Vielleicht half das ja wirklich. Gemeinsam machten wir für die Nacht den Plan, dass ich vor jedem Stillen, spätestens aber alle drei Stunden, klingeln sollte und dann würde der Wert gemessen und je nachdem wie er ausfiel, würden wir unterschiedlich darauf reagieren. 

Es half. Ich bekam mich langsam wieder unter Kontrolle. Atmete nach und nach wieder langsamer und auch die Tränen wurden weniger. Es gelang mir sogar eine Zeitlang meine Augen zu schließen. 

Als jetzt Mats unruhig wird, klingle ich wie vereinbart nach der Nachtschwester. Ich warte ein paar Minuten aber es kommt keiner. Ich werde ungeduldiger. Mats schreit inzwischen immer mal kurz auf und ich merke, dass er nun dringend meine Brust braucht. Das nimmt mir zusehends meine Ruhe. Wo bleibt denn die Schwester? Oh Nein! Johnny ist nun auch wach. Ich versuche mit leisem Gesang die beiden noch ein wenig hinzuhalten. Nicht das meine Bettnachbarin, die gerade eingeschlafen ist, wieder wach wird. Gleich muss ja mal jemand kommen. Mist. Mats lässt sich von diesem Versuch nicht beruhigen. Inzwischen wird sein Jammern immer intensiver. Er versteht vermutlich gar nicht, warum er nicht trinken darf. Jeder Schrei, den er ausstößt, bereitet mir Qualen. Evolutionsbiologisch gesehen vermutlich ein Überlebensmechanismus von Babys. Für mich in diesem Moment aber eine Zerreißprobe. Ich weiß, wenn ich ihn jetzt stille, dann werden die Messung verfälscht, gleichzeitig habe ich das Gefühl ihn im Stich zu lassen, indem ich ihn einfach weiter weinen lasse. „Gleich kommt jemand“, flüstere ich ihm zu, „gleich kommt jemand und dann geht es schnell besser.“ Auch damit habe ich keinen Erfolg. Ich fange an ihn zu wiegen und ihn abwechselnd zu kuscheln. Gar nicht so leicht, weil Johnny auch noch auf einem Arm liegt und die Schmerzen im Unterkörper so stechend sind. Es kommt einfach keiner, denke ich. Dann halt nicht. So kann es nicht weitergehen.

Ich ziehe mein T-Shirt hoch und lege das Kind an die Brust und genieße das wohltuende Gefühl der augenblicklich entstehenden Stille. Einatmen, ausatmen. Ruhe.

„Hier hat jemand geklingelt?“ vernehme ich jäh die lauten Worte der Nachtschwester. 

Ich docke Mats schnell wieder ab. „Er hat noch nicht viel getrunken, wollen sie noch kurz messen?“, erkläre ich leise den Grund des Klingelns. 

Die Nachtschwester, eine Schwesternschülerin wie sich später rausstellte, schaut mich verständnislos an. Ich wiederhole leise, was ich gesagt habe. Daraufhin erklärt sie mir, dass sie ein Hörgerät trage und ich doch bitte lauter sprechen solle und sie dabei anschauen solle. Ich versuchte es nochmal. Fokussiere sie im halbdunklen und erhöhe die Lautstärke. 

Dabei komme ich mir jedoch reichlich komisch vor so in die dunkle Nacht zu rufen. Die wenigen Minuten, die hier mal jemand zum Schlafen kommt, werden nun dadurch unterbrochen, dass wir die Krankenschwester anbrüllen müssen. Die Schwester versteht mich diesmal zumindest akustisch und fragt: „Messungen? Welche Messungen?“ 

Nicht schon wieder, denke ich. Werden denn gar keine Informationen weiter gegeben. „Die Blutzuckermessung!“, spreche ich laut und deutlich.

„Das tut mir Leid, sagt sie, „das müssen Sie mir kurz erläutern. Davon weiß ich nun nichts.“ 

Ich resigniere seufzend. Das war es dann wohl mit der Systematik. Ich werde ihr nun wirklich nicht die ganze Patientengeschichte entgegenschreien. Das jammernde und weinende Kind lege ich wieder an und rufe ihr laut zu: „Alles gut, Danke.“ 

Meine Bettnachbarin sitzt kerzengerade im Bett. Als sie merkt, was vor sich geht, lässt sie sich stöhnend zurückfallen. Ich tue dasselbe mit dem unguten Gefühl weder den Kindern noch der Schwester mit ihren Einschränkungen gerecht geworden zu sein. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch irgendwie verarscht und genervt. Ich verbuche den Versuch eine Systematik in die Messungen zu bringen als gescheitert und schalte wieder auf Intuition um. 

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FAMILIENZIMMER

Tag 2

Hätte mir Leo nicht schon seit Wochen oder gar Monaten damit in den Ohren gelegen, hätte ich vielleicht ein Recht darauf gehabt genervt zu sein. Naja, ich war es trotzdem. Denn ich hatte natürlich nicht die Zusatzversicherung abgeschlossen und so katapultierte uns die Realität des Krankenhauses aus unserer träumerischen Vorstellung wie das Leben als Familie sein würde. Das ersehnte Familienzimmer war uns nämlich leider nicht vergönnt. Stattdessen bekam ich eine Zimmernachbarin, deren Geburtserlebnis eher in die Kategorie „katastrophal“ gehörte und die auf Grund einer schlecht gelegten PDA bei dem Versuch sich aufzurichten sofort unter unfassbare Kopfschmerzen litt. Zu ihrem Pech liegt sie auch noch mit mir, Zwillingsmama, auf einem Zimmer. Wir sind beide rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen und ruhige Minuten zwischen Besuch, Stillen und Kinder beruhigen gibt es selten. Leo und ich versuchen in punkto Familienzimmer hartnäckig zu bleiben und fragen immer wieder und wieder nach. Allerdings werden wir regelmäßig von den Krankenschwestern mit fadenscheinigen aber äußerst höflichen Äußerungen hingehalten. 

„Oh, Sie sind die ersten, die danach fragen. Ich werde mal schauen, was sich machen lässt“, ist inzwischen meine Lieblingsantwort geworden. Beim ersten Mal hatte sie uns Hoffnung gemacht, bis wir eine halbe Stunde später hörten, dass unserer Zimmernachbarin genau das Gleiche gesagt wurde.

Trotz aller Fragerei blieb uns das Familienzimmer aber verwehrt. Dennoch feiern wir uns ein bisschen in dem Triumph den Schwestern auf die Schliche gekommen zu sein. Denn jede Schwester hatte sich einen sehr wohl formulierte Satz als Antwort auf die Frage nach dem Familienzimmer zurecht gelegt. Mehrfach hörten wir zum Beispiel, dass die baldige Entlassung anderer Mütter bevorstehe und man mal schauen würde, ob da was möglich sei. Wenn wir aber mal versuchten dieselbe Schwester ein zweites Mal zu fragen, nur um sicher zu gehen, dass sie sich auch bemühte, war dies unmöglich. Denn kaum verließen sie nach einer solchen Aussage das Zimmer, verschwanden sie spurlos und konnten nicht mehr gefunden werden.

Wir fragen uns immer noch warum diese komischen Antworten überhaupt gegeben wurden. Klartext reden und den hoffnungsvollen Müttern mitzuteilen wäre so einfach: „Familienzimmer is‘ nicht, weil Station voll.“ Das würde vollkommen ausreichen und nicht eine so merkwürdige Hoffnung im Raum stehen lassen. 

Unzufrieden in diesem Schwebezustand hängend, stellten wir erst bei der Entlassung fest, dass wir zu den Glücklichen gehörten. Es gab auch Dreibettzimmer. 

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LIEBE

Tag 1

Für das ganz Tiefe, das ganz Innige, das wirklich Bedeutungsvolle sind Worte doch viel zu klein, viel zu unbedeutend, viel zu weit weg von dem, wie es sich wirklich – also ich meine wirklich – anfühlt. Oder was ist das richtige Wort für diesen Anblick? Friedlich? Still? Zart? Entspannt? Selig? Sanft? 

Wie kann dieses Gefühl benannt werden? Liebe? Bewunderung? Staunen? 

Wie ist diese hingebungsvolle Zuneigung zu fassen, die meinen gesamten Körper bei diesem ersten Anblick meiner Kinder durchströmt? Diese wohlige Wärme, die sich in jede Gliedmaße erstreckt. Diese unfassbare Ruhe, die die Babys ausstrahlen und die sich in mir spiegelt, obwohl mir zugleich der eigene Herzschlag in den Ohren dröhnt. Die Sicherheit, die mich in diesem Moment überkommt und doch zittern meine Hände aus Sorge etwas falsch zu machen. 

Welches Wort kann denn ausdrücken, welche bedingungslose Zuneigung ich von dieser ersten Sekunde an den kleinen Wesen entgegen bringe. Diesen zwei kleinen Bündeln Mensch, die kaum die Kraft haben den Arm zu heben und dennoch fähig sind, mich – ihre Mama – in ihren Bann zu ziehen und mich stark werden zu lassen, sodass ich über mich hinaus wachsen kann, um die kleinen empfindsamen Wunder auf dem Weg zur Selbstständigkeit zu begleiten. 

Sie haben die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet. Die Atmung ist noch so leicht, das ich dem Impuls nicht lange widerstehen kann und in regelmäßigen Abständen meine Hand auf den Brustkorb lege. Nur damit ich wirklich sicher sein kann, dass sie noch atmen. Jede kleinste Regung, das Zucken mit der Hand, das Wackeln mit der Nase, das leichte auf und ab der Augenlider registriere ich. Ich sauge diesen kostbaren Moment ein und speichere ihn irgendwo tief in mir ab. Wir kennen ihrer Persönlichkeit noch nicht aber ihrer bloße Anwesenheit ist genug, um dafür zu sorgen, dass wir sie für immer lieben. 

Da liegen sie, einer rechts, einer links in meinem Arm. Perfekt in ihrer Hilflosigkeit. Ein Leben voller großer und kleiner Dramen, voll Lachen und Weinen, voll Freude und Frust noch vor sich. Keiner weiß, wohin es gehen wird. Ich schaue Leo an. Auch er versunken in den Anblick seiner Kinder blickt im selben Moment hoch. Wir drücken unsere Hände, lächelen uns an und müssen nicht aussprechen, was wir denken. Sie sind noch keine Stunde alt, da wissen wir, wir werden alles tun, um für und mit diesen kleinen Wesen eine Familie zu sein. Eine Familie, in der sich zwei so hilflose Wesen geborgen und sicher fühlen können, um die Kraft und den Mut zu erlangen aus ihr hinaus zu wachsen und der Welt entgegen zu treten.

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ANKOMMEN

SSW 38+0

Niemand begegnet uns. Vereinzelt fährt ein Auto an uns vorbei. Ansonsten schweigt die Stadt noch. Wie könnte es anders sein in den frühen Morgenstunden am Tag nach Neujahr. Die Welt braucht noch ein bisschen, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Uns ist es recht. In der letzten Nacht kaum geschlafen, genießen wir die Stille, die uns umgibt. Atmen die Kalte Luft und gehen schweigend neben einander her. Meine Hand ist fest in die von Leo gelegt, die andere auf dem Bauch. 

„Wir kriegen heute zwei Kinder“, unterbreche ich die Stille unvermittelt.

„Verrückt!“, sagte Leo. 

Wir lächeln zaghaft vor uns hin und gehen schweigend weiter. Hängen beide in unseren eigenen Gedanken fest, viel zu müde um zu reden und doch einander so nah. Meine Hände zittern leicht, obwohl ich die Kälte nicht spüre.

„Bald sind wir eine Familie“, ergänze ich.

Leo lächelte wieder, schweigt aber.

Das Krankenhaus ist innerhalb von einer viertel Stunde fußläufig erreichbar. An diesem Morgen brauchen wir die dreifache Zeit. Mein unfassbarer Bauch bremst uns aus. Alle paar Meter bleiben wir stehen, um kurz durchzuatmen. In den letzten Wochen hat sich der Bauch noch mehr in den Vordergrund geschoben. Jeder Zentimeter Wachstum hat mich aber nur noch genervt. Die Euphorie über auch die kleinste Vergrößerung, die zu Beginn der Schwangerschaft vorherrschte, konnte ich nun nicht mehr nachvollziehen. Es ist so lästig, wenn jede Bewegung sich wie eine sportliche Höchstleistung anfühlt, nach der man zunächst nach Luft ringt und dann eine kühle Dusche ersehnt. Sich länger nicht zu bewegen machte es jedoch auch nicht besser. Das Sitzen war unbequem und liegen und schlafen sowieso. Die ganze Zeit juckte es irgendwo, da irgendwelche Hautschichten meinten, das sie sich noch dehnen müssten und dabei einrissen. Dann drückte das eine Kind auf den Magen, das andere auf die Blase. Dabei entwickelten sie zunehmend mehr Kraft, was die Freude über die Anfangs heiß ersehnten Kindsbewegung doch sehr trübte. Ich mochte das insbesondere Nachts einfach nicht mehr aushalten. Aber wehe ich blieb mal ein paar Stunden verschont, direkt wurde ich hibbelig und begann mir Sorgen zu machen. Bis sich dann mindestens ein Kind erbarmte und irgendwo in meinem Bauch streckte und reckte.

Kurzum ich war einfach nicht gerne schwanger. Denn nicht nur war ich körperlich so eingeschränkt, zusätzlich musste ich bei jedem noch so kurzen Einkauf auch Blicke und Kommentare über mich ergehen lassen. (Damals wusste ich noch nicht, dass es noch viel nerviger wurde, wenn man erstmal einen Zwillingswagen durch die Gegend schob.) Kurze Momente des Glücks empfand ich nur noch im Wasser. Dann fiel das Gewicht von mir ab, ich ließ mich treiben und malte mir unser neues Leben aus. 

Am Krankenhaus angekommen bin ich froh, dass das alles heute vorbei sein sollte. Ich freue mich auf den Moment, an dem mein Körper wieder mir gehörte. Erst viel später wurde mir klar, welch naive Freude das in diesem Moment doch war. Stillende Frauen können dabei sicherlich nur müde lächeln. Denn solange ein oder wie in meinem Fall zwei Saugmonster mit lautem Geheul nach deiner Brust verlangen, ist ganz klar geregelt, wem der Körper gehört. Und das ist nicht – Achtung Spoiler – die Mutter. 

Wir drücken die Klingel zur Entbindungsstation. „Ja bitte?“, erklingt eine barsche Stimme aus dem Lautsprecher. 

„Ähm?“, wie sollte man das eigentlich formulieren, frage ich mich und sage dann etwas hilflos, „wir sind hier … also wir sind jetzt da zur Entbindung der Zwillinge.“ 

Der Summer ertönte. Es ist 6.00 Uhr morgens in weniger als drei Stunden wird es zwei Minimenschen mehr in dieser Welt geben.

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ZWEI

SSW 7

„Es könnten Zwei sein“, sagte die Ärztin und fuhr weiter mit dem Ultraschallgerät über meinen Bauch. Ich starrte auf das schwarz-weiße Geflimmer auf dem Monitor. Nichts, absolut nichts konnte ich darauf erkennen. Die Ärztin ließ den Untersuchungsstuhl wieder in seine Ausgangsposition fahren. Ich stand gewohnheitsmäßig auf und machte die paar Schritte zu meinen Klamotten. In meinen Kopf rauschte es. Die Ärztin murmelte noch was von Risiko und Unterversorgung und das sich das vielleicht noch eine Kollegin anschauen sollte. Aber diese notwendigen Informationen prallten irgendwo auf dem Weg in meinen Kopf ab. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die nächsten Handlungen. Untenrum noch unbekleidet schlüpfte ich schnell in die kurze Hose und schnürte die Schuhe zu. Draußen war es warm. Sollte ich gleich noch ein Eis essen? Plötzlich zitterte mein ganzer Körper. Mir fror entsetzlich. Es könnten Zwei sein.Es rauschte in meinem Kopf. Es könnten Zwei sein! Es wummerte. 

Langsam drang die Bedeutung des Gesagten in mein Bewusstsein ein. Während ich verunsichert nach meiner Tasche griff, drehte ich mich zur Ärztin um. „Ähm…“, ich zögerte, „also steht es jetzt fest, dass es Zwei sind?“ Es kostete mich sehr viel Kraft meiner Stimme etwas Nachdruck zu verleihen.Die Ärztin bemerkte meine Mühen nicht. Ganz damit beschäftigt irgendwas auszufüllen, blickt sie nur kurz hoch. „Ja. Und wie gesagt, Sie müssen jetzt schnell einen Termin bei der Pränataldiagnostik machen, damit wir feststellen können, ob die Kinder sich eine Plazenta teilen.“ Ich schaltete wieder ab. Plazenta? Was war das nochmal? Der Mutterkuchen oder? Ich hätte mich vielleicht doch etwas vorbereiten sollen. 

Zwei.

Sie gab mir ihre Hand. Einen Händedruck konnte man das nicht nennen. Es fühlte sich an als hätte sie mir einen kalten Fisch in die Hand gelegt. Ich drückte trotzdem kurz zu. „Dann sehen wir uns in 4 Wochen wieder“, murmelte sie in diesem viel zu leisen Ton vor sich hin. Ich verließ das Behandlungszimmer, machte einen Termin und ging raus in die Sonne. 

Zwei!

Geblendet und ermattet blieb ich vor der Praxistür stehen. Der Termin ist absolut nicht so gelaufen wie gedacht. Ich hatte erwartet, dass sie mich kurz untersucht, die Schwangerschaft bestätigt, mich beglückwünscht, auf Wiedersehen sagt und ich anschließend freudig den Mann anrufen würde. So der Plan. 

Aber jetzt? Zwei! 

„Hey,“ ich machte eine Pause, „wir bekommen Zwillinge.“ 

„Wie wunderbar“, sagte Leo ohne auch nur zu zögern. 

“Ja?“, fragte ich skeptisch. 

„Ja natürlich!“, sagte er mit Inbrunst. 

“Aber es sind dann Zwei.“, sprach ich das offensichtliche aus. 

„Ach, nee“, antworte Leo sarkastisch und wurde zurückhaltender. „Freust du dich gar nicht?“ 

„Weiß nicht“, gab ich zu, „ich hatte mir das anders ausgemalt.“ 

Lange hatte ich gebraucht, um mich für ein Kind zu entscheiden. Viel zu gern lebte ich mein Leben zu zweit mit Leo. Wir besaßen kein Auto, wohnten zur Miete, fuhren gerne mal spontan weg, gingen abends essen und achteten darauf nicht zu weit im voraus zu planen. Ein Kind hätte all das schon auf den Kopf gestellt aber zwei? Zu keinem Zeitpunkt hatte ich die Möglichkeit von Zwillingen in Betracht gezogen. Dabei gab es gerade in unserer Familie genug davon. Überrumpelt von der Tatsache fragte ich mich, wie ich mich jetzt sofort und in diesem Augenblick freuen sollte? Ich bewunderte Leo dafür, dass er die Zwei bereits jetzt in sein Herz geschlossen hatte. Manchmal frage ich mich, ob er es auch getan hätte, wenn er gewusst hätte, wie unser Leben mit Zwillingen werden würde. Ob ich das auch getan hätte, wenn ich gewusst hätte, was uns erwartet. Denn meine Freude wuchs im selben Tempo wie mein Bauch. Langsam aber stetig und sehr, sehr groß. Ich begann das Abenteuer zu ersehnen ohne auch nur zu erahnen, wie es wirklich werden würde. 

Ich wusste nicht, dass wir einer so tränen- und arbeitsreichen Zeit entgegen steuerten, in der wir das Glück suchten und es nur manchmal fanden. Ich wusste nicht, das ein Leben mit Babys vor allem bedeutet immer weiter zu machen, weil ein Baby (auch nicht zwei) keine Pausen macht. Ich wusste nicht, wie ich mich als Mensch verändern würde. Unwissend nahmen wir also Kurs auf eine Zeit, die uns erst mürbe und dann stark gemacht hat. Deren Früchte wir erst viel später aber dafür umso glücklicher ernteten. Niemals hätten wir gedacht, dass wir bald allabendlich dem Chaos eine gute Nacht wünschen würden.