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IKARUS

Tag 11

„Wie schrumpelig sie sind,“ durchbreche ich die Stille. „Aber trotzdem wunderschön irgendwie, oder?“, ergänze ich noch nachdenklich und sinniere weiter: „Weißt du, was ich mich frage? Vielleicht sind sie ja objektiv gar nicht so schön. Vielleicht sind das ja auch so Kinder, bei deren Anblick man sich eher so denkt. Puh! Hübsch ist anders. Also ich würde das nie laut sagen aber heimlich finde ich diese Schrumpeligkeit eigentlich eher unschön.“
„Sagst du etwa unsere Kinder sind hässlich“, merkt Leo belustigt an. Ich registriere seinen Tonfall freudig. Seit der Geburt der Kinder sind diese Momente der entspannten Kommunikation rar geworden.
„Auf gar keinen Fall!“, empöre ich mich gespielt. „Aber ich finde, dass sie eher was von Rumpelwichten haben. Die würde man ja auch nicht als schön bezeichnen. Süß ja, aber eben auch eher etwas … mmh … rumpelig.“
„Rumpelig?“, Leo grinst. „Ist denn diese Wortkreation eher positiv oder negativ zu bewerten?“ Ich zucke etwas beschämt mit den Schultern. „Mir ist kein besseres Wort eingefallen. Schau doch mal all diese überschüssige Haut, die sich hier abperlt und die Falten an den speckigen Fingern. Wie soll man das denn bezeichnen?“
„Perfektion,“ kommt von Leo ohne ein Zögern. Er schaut sich die Beiden an. „Ehrlich, Lotte, schau doch mal. Sie sind perfekt, wie sie sind. So rumpelig, schrumpelig und klein. Wen interessiert schon objektive Schönheit?“
Da war es wieder. Leos Worte waren stets so voller Wärme und Zuneigung für seine Babys. Nie zog er ihre Vollkommenheit in Zweifel. Nie würde er auch nur ein bisschen Arbeit, die er ihretwegen hat, ihnen vorwerfen. Nie werden sie für ihn etwas anderes als makellos sein. Immer werden sie ihn aber um den Finger wickeln können. Er wird das wissen und es trotzdem mit einem seligen Gefühl geschehen lassen. Ich lächelte. Mich erwärmte seine Art von den Kindern zu sprechen von Innen.

Als hätte er uns gehört, schien Mats Leo recht geben zu wollen und setzt seine Babycharme in Gang. Langsam gehen seine Augen auf. Fallen dann ebenso langsam wieder zu. Gehen auf und zu. Der ganze Körper knautscht sich. Er zieht sich zusammen und streckt sich. Das Aufwachen scheint Schwerstarbeit zu sein. Die Augen blinzeln. Sie öffnen sich wieder. Tief blau. Schwierig zu erahnen, was sie jetzt schon sehen können. Es heißt 20 bis 30 Zentimeter. Der Blick ist aber häufig so unbeteiligt, so abwesend, fast schon ein bisschen dümmlich. Doch diesmal ist es anders. Diesmal beginnt Mats zu fokussieren. Wir folgen seinem Blick.

„Da“, sagt Leo, „schaut er direkt ins Licht, der kleine Ikarus.“

„Ja,“ sag ich und das Gespräch wieder aufnehmend ergänze ich noch. „Um hoch zu steigen und tief zu fallen, ist die Schönheit ja auch Nebensache.“
Wir schauen Mats eine Weile gebannt zu, wie er die Lichtquelle studiert. Ich muss Leo Recht geben. Wen interessiert schon Schönheit. Faszinierend ist er allemal, dieser rumpelige Ikarus.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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