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STILLE KETTEN

Tag 10

Es ist wieder soweit. Es war eigentlich ständig soweit. Zwei kleine Wesen verlangen nach Milch. Notgedrungen begebe ich mich zum Sofa. Ich entferne mich ja sowieso kaum mehr als zwei Meter von dort. Ein Gang ins Bad gilt zurzeit als Weltreise. Und wer hat schon Zeit für eine Weltreise? Während ich mich setze, drapiere ich bereits die Kissen um mich rum. Jedes Kissen hat einen spezifischen Platz, damit mir gleich kein Kind von der Brust weg kugelt. Leo, selbsternannter Stillassistent, reicht mir nacheinander die Kinder an. Wir sind inzwischen ein Team aber Training ist leider noch dringend notwendig. Ganz reibungslos und eingespielt läuft es selten. Ich muss die Chaosboys jetzt stillen.

Stillen was für ein abstrakter Begriff. Er rangiert für mich in derselben Kategorie wie Liebe. Von beidem haben wir eine aufgeblasene, verklärte Idee im Kopf. Und die schrammt nicht nur an der Realität vorbei, nein, sie ist mindestens eine Schlucht weit entfernt. Bevor die Kinder da waren, sah ich mich entspannt zurückgelehnt irgendwo rum sitzen, vielleicht sogar in einem Café und mein Kind stillen. Dabei bin ich vertieft in ein Gespräch mit einer Freundin oder wahlweise auch mal in ein Buch. (Die Freundinnen müssen ja vielleicht auch arbeiten). Manchmal bin ich auch ganz versunken in den Anblick meines Kindes, das still vor sich hin nuckelt. Hinterher ist es dann satt und glücklich und alles ist gut. So hat das doch zu sein oder? So wird uns das doch erzählt. So erfüllt uns Frauen das Stillen doch durch und durch? Oder etwa nicht?

Ich kann davon in diesem Augenblick nämlich gar nichts sehen, geschweige denn spüren. Die Chaosboys zu stillen ist in erster Linie anstrengend, häufig dröge und immer ein Balanceakt. Die zappeligen Dinger an die Brust zu legen, obwohl sie nicht die Kraft haben, diese selbst im Mund zu behalten grenzt an eine Akrobatikvorführung. Schade also, dass meine Talente nicht im Bereich der grazilen Körperkoordination liegen.

Leo reicht mir zuerst Mats an. Ich lege ihn auf die vorbereiten Kissen. Nach ein paar Minuten gelingt es mir, ihm die Brust in den Mund zu schieben. Er dockt an und beginnt zu trinken. Jetzt ist Johnny dran. Das zweite Kind ist immer der schwierigere Teil. Ohne meinen Oberkörper zu sehr zu bewegen, lege ich sanft Johnny an die andere Brust. Oder versuche das zumindest. Ich brauche zwei Hände dafür. Eine, um die die Brust in Position zu bringen, die andere, um den Kopf von Johnny zu halten. Währenddessen muss Leo Mats‘ Kopf festhalten, damit er nicht wieder abrutscht.
Wir Mühen uns ab. Es braucht ein paar Versuche bis beide gemeinsam trinken können. Interessant übrigens, so kommt mir der Gedanke, wie die Stillhormone hier mitspielen. Ich sitze hier, fast unbekleidet und keine Hemmschwelle ist mehr da. Das ist praktisch, denn wie sollte man sonst zum Stillen kommen. Aber mit dem Schamgefühl ist auch das Gefühl sich schön oder gar sexy zu fühlen verloren gegangen. Komisch. Ist man so Mutter?

Vor mich hin sinnierend, registriere ich betrübt, das Leo das Wohnzimmer verlässt. Er macht jetzt bestimmt irgendwo anders sinnvolle Dinge. Ich weiß nicht genau was. Spülen, putzen, kochen. Keine Ahnung. Ich würde ihm gerne helfen, einfach bei ihm sein. Hier rum sitzend und stillend fühle ich mich nutzlos. Gerne würde ich mal eben schnell diesen Teller da vorne auf dem Couchtisch wegräumen oder den Staub von der Fensterbank wischen. Da starre ich nämlich immer drauf, wenn ich hier festgeklettet sitze. Ich drehe den Kopf hin und her. Er ist immerhin das einzige Körperteil, dass ich bewegen kann ohne, dass die Kinder von der Brust rutschen. Ich seufze und starre dann doch lieber wieder den Teller an. Das Chaos in diesem Zimmer möchte ich dann doch nicht so intensiv betrachten. Hier muss nämlich dringend, wirklich dringend mal aufgeräumt werden. Aber ich häng hier ja fest. Könnte ich tauschen, würde ich jetzt liebend gern jemanden das Stillen überlassen und hier für Ordnung sorgen. Dabei sind Hass und Hausarbeit für mich Synonym zu verwenden. Genau deshalb überdenke ich meinen Einstellung noch mal. Vermutlich würde ich doch nicht aufräumen, wenn ich die Chance hätte. Stattdessen würde mich der Staub, der dreckige Teller auf dem Tisch und die Unordnung gar nicht stören. Dann würde ich sicherlich entscheiden, nicht aufzuräumen, es auf später verschieben und den Raum verlassen. Ich ginge irgendwohin, wo es schön ist. Ach, hätte, wenn und aber, bringt mich ja auch nicht weiter.

Ich kriege Durst. Auch das ist wieder vorhersehbar gewesen. Während unten gesaugt wird, muss oben Flüssigkeit nachgefüllt werden. Ich strecke meinem Arm nach der Flasche aus. Typisch. Sie steht mal wieder fünf Zentimeter zu weit entfernt.
„Leo?“ rufe ich fragend in den stillen Raum hinein.
Keine Antwort.
Schade.
Ich versuche es nochmal. Ohne Konsequenz. Wir haben wenig in den letzten Tagen gesprochen. Häufig ist Besuch da oder er ist einkaufen und erledigt, wie jetzt, andere nützliche Aufgaben. Einer musste es ja machen. Ich fühle mich trotzdem einsam hier. Ich sitze alleine rum. Kann nicht mal auf das Telefon schauen, da mir die Kinder dann von der Brust rutschen und vermisse ein richtiges Gespräch mit Leo. So eine richtige ewig dauernde Unterhaltung, in der wir von einem Ast zum nächsten hüpfen und am Ende wissen, wie Weltfrieden geht und warum er nie eintreten wird. Aber im Moment war alles, was aus meinem Mund kam nur welches Kind wieviel getrunken, geschlafen und Windeln verbraucht hat. Nicht sonderlich gehaltvolle Kommunikation. Aber diese Themen nehmen gerade meinen ganzen Kopf ein. Es gelingt mir nicht, an etwas anderes zu denken. Das macht es nicht spannender nur einsamer. Wen interessiert schon, ob Mats nun 20 oder 30 Minuten trinkt, wie häufig er die Windel voll hat und was er gerade für Geräusche von sich gibt. Niemanden. Dennoch weiß ich all das bis ins kleinste Detail und teile es auch bereitwillig mit. Unterdessen könnte Trump den nuklearen Krieg erklären und ich würde doch nur denken, dass es besser sei, wenn Johnny noch etwas mehr Milch zu sich nähme.

Ich höre das knarren der Wohnungstür und meine misanthropischen Gedanken werden glücklicherweise unterbrochen. Leo hat also die Wäsche auf dem Dachboden aufgegangen.
„Leo?“ Vielleicht gelingt es mir ja jetzt seine Aufmerksamkeit zu erregen. Allerdings rufe ich diesmal leiser. Mats und Johnny sind gerade dabei einzuschlafen und mir wäre es lieb, wenn das klappen würde.
Er kommt ins Zimmer.
„Das Wasser“, patze ich ihn an.
Er schaut mich irritiert an. Er kann ja nicht wissen, woher die schlechte Laune kommt.
„Ich stell die Wäsche an,“ antwortet er ebenso patzig. Weiß ich woher seine schlechte Laune kommt? Er reicht mir noch das Wasser und geht.
Ich wäre gerne freundlicher gewesen. Leo war unentwegt im Einsatz. Gleichzeitig bin ich aber sauer und traurig immer noch alleine ans Sofa gekettet rum zu sitzen. Die Einsamkeit zerrt an mir.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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