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ZU HAUSE

Tag 6

Wir hatten es geschafft. Irgendwie hatten wir die Kinder im Krankenhaus in die Autositze verfrachtet. Sie wirkten so verletzlich und schutzlos in den viel zu großen Sitzen. Aber wir hatten es geschafft. Die zehn Minuten Fahrweg nach Hause liefen reibungslos und waren trotzdem eine nervliche Achterbahnfahrt für mich. Ich konnte mich kaum zusammen reißen und begann schon beim Ausparken meiner Mutter, die uns fuhr, immer wieder zu sagen, dass sie bitte vorsichtig fahren sollte. Sie nahm es gelassen. 

Zu Hause hatten wir es dann auch geschafft Abend zu essen. Friedlich lagen die Kinder dabei neben uns und schliefen und wir waren stolz wie Bolle, dass wir am Tisch essen konnten und unser Essen noch warm war. (In dem Moment glaubten wir ernsthaft das würde so bleiben. Welch ein Trugschluss?)

Glücklich zu Hause zu sein, gingen wir also ins Bett. Und hatten so auch die erste Nacht geschafft. 

Doch das wars. Jetzt schaffe ich nichts mehr. Ich bin schon wieder nur am Heulen. Nichts klappt mehr. Ich will beide Kinder stillen aber Mats gelingt es nicht so recht. Er trinkt nur sehr kurz und schläft dann wieder ein. Meine Tränen laufen ununterbrochen. Immer wieder schaue ich verzweifelt Leo an, der Johnny inzwischen auf dem Arm hat. In meinem Kopf läuft der Panikmodus in Endlosschleife. Was wenn Mats nicht genug trinkt. Was wenn er jetzt wieder Probleme mit dem Blutzucker hat und wir bekommen es gar nicht mit, da wir nicht messen können. Was wenn sich deswegen sein Gehirn nicht richtig entwickelt. Denn ich hatte irgendwo aufgeschnappt, das der Blutzuckerspiegel mit der Gehirnentwicklung zusammenhängt. Wie soll das so weiter gehen? Er muss doch was trinken! Die Stillberatung im Krankenhaus hatte immer wieder und wieder gesagt, dass wir die Chaosboys alle drei Stunden trinken lassen sollen und dann würde eine Mahlzeit 40 Minuten dauern. Das haut bei mir hinten und vorne nicht hin. Wenn einer mal 10 Minuten trank, bevor er wieder einschlief oder vom Stillkissen runter wollte war das lang. Mats schaffte meist eh nur 2-5 Minuten. Das stresst mich. So wird er doch nicht richtig satt. Ich wünsche mich augenblicklich in dieses furchtbare Krankenhaus zurück, wo mir jemand sagen kann, was ich jetzt tun soll und wie es um den Wert steht. Aber das geht nicht. Wieso habe ich mich gestern noch mal so gefreut aus dem Krankenhaus zu kommen? Dort war man trotz der unterschiedlichen Meinungen ja wenigsten versorgt. Hier allein konnte das doch gar nicht funktionieren. Ich bin überfordert und hoffe einfach das Mats noch etwas trinkt. Zusätzlich ist es bereits 13.00 Uhr und wir haben es noch nicht geschafft das Schlafzimmer zu verlassen. Das finde ich so furchtbar. Ich will aus meinen Schlafklamotten raus. Aber wie und wann soll ich das noch tun?

Derartige Gedanken kreiseln in meinem Kopf herum, während Leo nur sieht wie mich ein Heulkrampf nach dem anderen schüttelt. Weder höre ich, dass es klingelt noch merke ich wie Leo das Zimmer verlässt. So sehr hat der Panikmodus bereits Besitz von mir ergriffen. Als dann plötzlich unsere Hebamme in der Zimmertür steht, bin ich kurz irritiert. Erinnere mich dann aber an den Termin. Ihr erster Besuch seit die Kinder da sind. Sie schaut mich noch bekleidet im warmen Wintermantel an und versteht offensichtlich sofort wie es mir geht. 

Sie zögert keine Sekunde, als sie mich heulendes Wrack da auf der Bettkante sitzen sieht, eingepfercht hinter einem Stillkissen und mit einem schlafenden Kind im Arm. Sie kommt zu mir rüber setzt sich vor mich auf den Boden. Zu mir hoch schauend fragt sie, was mich denn plage? 

Unfassbar was diese einfache Geste verbunden mit der Frage nach meinem Wohlbefinden in mir auslöst. Ich fühle mich augenblicklich aufgehoben, meine Füße finden wieder halt und der Panikmodus ist wie ausgeknipst. Ich gewinne meine Sicherheit zurück. Ihre selbstverständliche Art sich zu mir runter zu begeben, ohne mich von oben herab zu belehren, ist für mich in diesem Moment ein wahres Wunder. Dabei ist es mir keinen Moment lang unangenehm, dass ich so wenig präsentabel aussehe. Denn trotz der Nähe die sie aufbaut, wart sie eine respektvolle Distanz. Sie hört mir zu. Nimmt mich ernst. Stellt uns Fragen. Schnell zieht sie dann das beeindruckende Fazit: „Es geht oben was rein, es kommt unten was raus. Den Kindern geht es gut.“ Einfach und logisch und die Welt fühlt sich plötzlich wieder so viel leichter an. Als sie geht, bin ich dennoch froh, dass sie am nächsten Tag wieder kommen wird.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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