Tag 2
Hätte mir Leo nicht schon seit Wochen oder gar Monaten damit in den Ohren gelegen, hätte ich vielleicht ein Recht darauf gehabt genervt zu sein. Naja, ich war es trotzdem. Denn ich hatte natürlich nicht die Zusatzversicherung abgeschlossen und so katapultierte uns die Realität des Krankenhauses aus unserer träumerischen Vorstellung wie das Leben als Familie sein würde. Das ersehnte Familienzimmer war uns nämlich leider nicht vergönnt. Stattdessen bekam ich eine Zimmernachbarin, deren Geburtserlebnis eher in die Kategorie „katastrophal“ gehörte und die auf Grund einer schlecht gelegten PDA bei dem Versuch sich aufzurichten sofort unter unfassbare Kopfschmerzen litt. Zu ihrem Pech liegt sie auch noch mit mir, Zwillingsmama, auf einem Zimmer. Wir sind beide rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen und ruhige Minuten zwischen Besuch, Stillen und Kinder beruhigen gibt es selten. Leo und ich versuchen in punkto Familienzimmer hartnäckig zu bleiben und fragen immer wieder und wieder nach. Allerdings werden wir regelmäßig von den Krankenschwestern mit fadenscheinigen aber äußerst höflichen Äußerungen hingehalten.
„Oh, Sie sind die ersten, die danach fragen. Ich werde mal schauen, was sich machen lässt“, ist inzwischen meine Lieblingsantwort geworden. Beim ersten Mal hatte sie uns Hoffnung gemacht, bis wir eine halbe Stunde später hörten, dass unserer Zimmernachbarin genau das Gleiche gesagt wurde.
Trotz aller Fragerei blieb uns das Familienzimmer aber verwehrt. Dennoch feiern wir uns ein bisschen in dem Triumph den Schwestern auf die Schliche gekommen zu sein. Denn jede Schwester hatte sich einen sehr wohl formulierte Satz als Antwort auf die Frage nach dem Familienzimmer zurecht gelegt. Mehrfach hörten wir zum Beispiel, dass die baldige Entlassung anderer Mütter bevorstehe und man mal schauen würde, ob da was möglich sei. Wenn wir aber mal versuchten dieselbe Schwester ein zweites Mal zu fragen, nur um sicher zu gehen, dass sie sich auch bemühte, war dies unmöglich. Denn kaum verließen sie nach einer solchen Aussage das Zimmer, verschwanden sie spurlos und konnten nicht mehr gefunden werden.
Wir fragen uns immer noch warum diese komischen Antworten überhaupt gegeben wurden. Klartext reden und den hoffnungsvollen Müttern mitzuteilen wäre so einfach: „Familienzimmer is‘ nicht, weil Station voll.“ Das würde vollkommen ausreichen und nicht eine so merkwürdige Hoffnung im Raum stehen lassen.
Unzufrieden in diesem Schwebezustand hängend, stellten wir erst bei der Entlassung fest, dass wir zu den Glücklichen gehörten. Es gab auch Dreibettzimmer.
Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/