SSW 7
„Es könnten Zwei sein“, sagte die Ärztin und fuhr weiter mit dem Ultraschallgerät über meinen Bauch. Ich starrte auf das schwarz-weiße Geflimmer auf dem Monitor. Nichts, absolut nichts konnte ich darauf erkennen. Die Ärztin ließ den Untersuchungsstuhl wieder in seine Ausgangsposition fahren. Ich stand gewohnheitsmäßig auf und machte die paar Schritte zu meinen Klamotten. In meinen Kopf rauschte es. Die Ärztin murmelte noch was von Risiko und Unterversorgung und das sich das vielleicht noch eine Kollegin anschauen sollte. Aber diese notwendigen Informationen prallten irgendwo auf dem Weg in meinen Kopf ab. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die nächsten Handlungen. Untenrum noch unbekleidet schlüpfte ich schnell in die kurze Hose und schnürte die Schuhe zu. Draußen war es warm. Sollte ich gleich noch ein Eis essen? Plötzlich zitterte mein ganzer Körper. Mir fror entsetzlich. Es könnten Zwei sein.Es rauschte in meinem Kopf. Es könnten Zwei sein! Es wummerte.
Langsam drang die Bedeutung des Gesagten in mein Bewusstsein ein. Während ich verunsichert nach meiner Tasche griff, drehte ich mich zur Ärztin um. „Ähm…“, ich zögerte, „also steht es jetzt fest, dass es Zwei sind?“ Es kostete mich sehr viel Kraft meiner Stimme etwas Nachdruck zu verleihen.Die Ärztin bemerkte meine Mühen nicht. Ganz damit beschäftigt irgendwas auszufüllen, blickt sie nur kurz hoch. „Ja. Und wie gesagt, Sie müssen jetzt schnell einen Termin bei der Pränataldiagnostik machen, damit wir feststellen können, ob die Kinder sich eine Plazenta teilen.“ Ich schaltete wieder ab. Plazenta? Was war das nochmal? Der Mutterkuchen oder? Ich hätte mich vielleicht doch etwas vorbereiten sollen.
Zwei.
Sie gab mir ihre Hand. Einen Händedruck konnte man das nicht nennen. Es fühlte sich an als hätte sie mir einen kalten Fisch in die Hand gelegt. Ich drückte trotzdem kurz zu. „Dann sehen wir uns in 4 Wochen wieder“, murmelte sie in diesem viel zu leisen Ton vor sich hin. Ich verließ das Behandlungszimmer, machte einen Termin und ging raus in die Sonne.
Zwei!
Geblendet und ermattet blieb ich vor der Praxistür stehen. Der Termin ist absolut nicht so gelaufen wie gedacht. Ich hatte erwartet, dass sie mich kurz untersucht, die Schwangerschaft bestätigt, mich beglückwünscht, auf Wiedersehen sagt und ich anschließend freudig den Mann anrufen würde. So der Plan.
Aber jetzt? Zwei!
„Hey,“ ich machte eine Pause, „wir bekommen Zwillinge.“
„Wie wunderbar“, sagte Leo ohne auch nur zu zögern.
“Ja?“, fragte ich skeptisch.
„Ja natürlich!“, sagte er mit Inbrunst.
“Aber es sind dann Zwei.“, sprach ich das offensichtliche aus.
„Ach, nee“, antworte Leo sarkastisch und wurde zurückhaltender. „Freust du dich gar nicht?“
„Weiß nicht“, gab ich zu, „ich hatte mir das anders ausgemalt.“
Lange hatte ich gebraucht, um mich für ein Kind zu entscheiden. Viel zu gern lebte ich mein Leben zu zweit mit Leo. Wir besaßen kein Auto, wohnten zur Miete, fuhren gerne mal spontan weg, gingen abends essen und achteten darauf nicht zu weit im voraus zu planen. Ein Kind hätte all das schon auf den Kopf gestellt aber zwei? Zu keinem Zeitpunkt hatte ich die Möglichkeit von Zwillingen in Betracht gezogen. Dabei gab es gerade in unserer Familie genug davon. Überrumpelt von der Tatsache fragte ich mich, wie ich mich jetzt sofort und in diesem Augenblick freuen sollte? Ich bewunderte Leo dafür, dass er die Zwei bereits jetzt in sein Herz geschlossen hatte. Manchmal frage ich mich, ob er es auch getan hätte, wenn er gewusst hätte, wie unser Leben mit Zwillingen werden würde. Ob ich das auch getan hätte, wenn ich gewusst hätte, was uns erwartet. Denn meine Freude wuchs im selben Tempo wie mein Bauch. Langsam aber stetig und sehr, sehr groß. Ich begann das Abenteuer zu ersehnen ohne auch nur zu erahnen, wie es wirklich werden würde.
Ich wusste nicht, dass wir einer so tränen- und arbeitsreichen Zeit entgegen steuerten, in der wir das Glück suchten und es nur manchmal fanden. Ich wusste nicht, das ein Leben mit Babys vor allem bedeutet immer weiter zu machen, weil ein Baby (auch nicht zwei) keine Pausen macht. Ich wusste nicht, wie ich mich als Mensch verändern würde. Unwissend nahmen wir also Kurs auf eine Zeit, die uns erst mürbe und dann stark gemacht hat. Deren Früchte wir erst viel später aber dafür umso glücklicher ernteten. Niemals hätten wir gedacht, dass wir bald allabendlich dem Chaos eine gute Nacht wünschen würden.
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