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LIEBE

Tag 1

Für das ganz Tiefe, das ganz Innige, das wirklich Bedeutungsvolle sind Worte doch viel zu klein, viel zu unbedeutend, viel zu weit weg von dem, wie es sich wirklich – also ich meine wirklich – anfühlt. Oder was ist das richtige Wort für diesen Anblick? Friedlich? Still? Zart? Entspannt? Selig? Sanft? 

Wie kann dieses Gefühl benannt werden? Liebe? Bewunderung? Staunen? 

Wie ist diese hingebungsvolle Zuneigung zu fassen, die meinen gesamten Körper bei diesem ersten Anblick meiner Kinder durchströmt? Diese wohlige Wärme, die sich in jede Gliedmaße erstreckt. Diese unfassbare Ruhe, die die Babys ausstrahlen und die sich in mir spiegelt, obwohl mir zugleich der eigene Herzschlag in den Ohren dröhnt. Die Sicherheit, die mich in diesem Moment überkommt und doch zittern meine Hände aus Sorge etwas falsch zu machen. 

Welches Wort kann denn ausdrücken, welche bedingungslose Zuneigung ich von dieser ersten Sekunde an den kleinen Wesen entgegen bringe. Diesen zwei kleinen Bündeln Mensch, die kaum die Kraft haben den Arm zu heben und dennoch fähig sind, mich – ihre Mama – in ihren Bann zu ziehen und mich stark werden zu lassen, sodass ich über mich hinaus wachsen kann, um die kleinen empfindsamen Wunder auf dem Weg zur Selbstständigkeit zu begleiten. 

Sie haben die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet. Die Atmung ist noch so leicht, das ich dem Impuls nicht lange widerstehen kann und in regelmäßigen Abständen meine Hand auf den Brustkorb lege. Nur damit ich wirklich sicher sein kann, dass sie noch atmen. Jede kleinste Regung, das Zucken mit der Hand, das Wackeln mit der Nase, das leichte auf und ab der Augenlider registriere ich. Ich sauge diesen kostbaren Moment ein und speichere ihn irgendwo tief in mir ab. Wir kennen ihrer Persönlichkeit noch nicht aber ihrer bloße Anwesenheit ist genug, um dafür zu sorgen, dass wir sie für immer lieben. 

Da liegen sie, einer rechts, einer links in meinem Arm. Perfekt in ihrer Hilflosigkeit. Ein Leben voller großer und kleiner Dramen, voll Lachen und Weinen, voll Freude und Frust noch vor sich. Keiner weiß, wohin es gehen wird. Ich schaue Leo an. Auch er versunken in den Anblick seiner Kinder blickt im selben Moment hoch. Wir drücken unsere Hände, lächelen uns an und müssen nicht aussprechen, was wir denken. Sie sind noch keine Stunde alt, da wissen wir, wir werden alles tun, um für und mit diesen kleinen Wesen eine Familie zu sein. Eine Familie, in der sich zwei so hilflose Wesen geborgen und sicher fühlen können, um die Kraft und den Mut zu erlangen aus ihr hinaus zu wachsen und der Welt entgegen zu treten.

Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/

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