SSW 38+0
Niemand begegnet uns. Vereinzelt fährt ein Auto an uns vorbei. Ansonsten schweigt die Stadt noch. Wie könnte es anders sein in den frühen Morgenstunden am Tag nach Neujahr. Die Welt braucht noch ein bisschen, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Uns ist es recht. In der letzten Nacht kaum geschlafen, genießen wir die Stille, die uns umgibt. Atmen die Kalte Luft und gehen schweigend neben einander her. Meine Hand ist fest in die von Leo gelegt, die andere auf dem Bauch.
„Wir kriegen heute zwei Kinder“, unterbreche ich die Stille unvermittelt.
„Verrückt!“, sagte Leo.
Wir lächeln zaghaft vor uns hin und gehen schweigend weiter. Hängen beide in unseren eigenen Gedanken fest, viel zu müde um zu reden und doch einander so nah. Meine Hände zittern leicht, obwohl ich die Kälte nicht spüre.
„Bald sind wir eine Familie“, ergänze ich.
Leo lächelte wieder, schweigt aber.
Das Krankenhaus ist innerhalb von einer viertel Stunde fußläufig erreichbar. An diesem Morgen brauchen wir die dreifache Zeit. Mein unfassbarer Bauch bremst uns aus. Alle paar Meter bleiben wir stehen, um kurz durchzuatmen. In den letzten Wochen hat sich der Bauch noch mehr in den Vordergrund geschoben. Jeder Zentimeter Wachstum hat mich aber nur noch genervt. Die Euphorie über auch die kleinste Vergrößerung, die zu Beginn der Schwangerschaft vorherrschte, konnte ich nun nicht mehr nachvollziehen. Es ist so lästig, wenn jede Bewegung sich wie eine sportliche Höchstleistung anfühlt, nach der man zunächst nach Luft ringt und dann eine kühle Dusche ersehnt. Sich länger nicht zu bewegen machte es jedoch auch nicht besser. Das Sitzen war unbequem und liegen und schlafen sowieso. Die ganze Zeit juckte es irgendwo, da irgendwelche Hautschichten meinten, das sie sich noch dehnen müssten und dabei einrissen. Dann drückte das eine Kind auf den Magen, das andere auf die Blase. Dabei entwickelten sie zunehmend mehr Kraft, was die Freude über die Anfangs heiß ersehnten Kindsbewegung doch sehr trübte. Ich mochte das insbesondere Nachts einfach nicht mehr aushalten. Aber wehe ich blieb mal ein paar Stunden verschont, direkt wurde ich hibbelig und begann mir Sorgen zu machen. Bis sich dann mindestens ein Kind erbarmte und irgendwo in meinem Bauch streckte und reckte.
Kurzum ich war einfach nicht gerne schwanger. Denn nicht nur war ich körperlich so eingeschränkt, zusätzlich musste ich bei jedem noch so kurzen Einkauf auch Blicke und Kommentare über mich ergehen lassen. (Damals wusste ich noch nicht, dass es noch viel nerviger wurde, wenn man erstmal einen Zwillingswagen durch die Gegend schob.) Kurze Momente des Glücks empfand ich nur noch im Wasser. Dann fiel das Gewicht von mir ab, ich ließ mich treiben und malte mir unser neues Leben aus.
Am Krankenhaus angekommen bin ich froh, dass das alles heute vorbei sein sollte. Ich freue mich auf den Moment, an dem mein Körper wieder mir gehörte. Erst viel später wurde mir klar, welch naive Freude das in diesem Moment doch war. Stillende Frauen können dabei sicherlich nur müde lächeln. Denn solange ein oder wie in meinem Fall zwei Saugmonster mit lautem Geheul nach deiner Brust verlangen, ist ganz klar geregelt, wem der Körper gehört. Und das ist nicht – Achtung Spoiler – die Mutter.
Wir drücken die Klingel zur Entbindungsstation. „Ja bitte?“, erklingt eine barsche Stimme aus dem Lautsprecher.
„Ähm?“, wie sollte man das eigentlich formulieren, frage ich mich und sage dann etwas hilflos, „wir sind hier … also wir sind jetzt da zur Entbindung der Zwillinge.“
Der Summer ertönte. Es ist 6.00 Uhr morgens in weniger als drei Stunden wird es zwei Minimenschen mehr in dieser Welt geben.
Wenn Du die ganze Geschichte der Chaosboys lesen willst, geht es hier zum Anfang: https://gutenachtchaos.de/2019/06/03/zwei/